Die Luftwaffe und ihre Industriepartner

Ein immer engeres Bündnis stärkt die europäische Verteidigungsfähigkeit

Das absolute Highlight des Flugprogrammes der ILA Berlin sind die Darbietungen des Eurofighters. Wer erinnert sich nicht an die rockige Begleitmusik, orangeglühende Triebwerke und das Raunen des Publikums wenn ein Kampfjet der Luftwaffe mit atemberaubender Geschwindigkeit vorbeizieht? Den Flugmanövern beizuwohnen ist spektakulär. Der Eurofighter besitzt zwei Triebwerke. Jedes davon erzeugt einen Trockenschub von etwa 60.000 Newton ohne Nachbrenner. Damit erreicht das Aushängeschild der Luftwaffe mehr als doppelte Schallgeschwindigkeit, genau 2,35 Mach. So beschleunigt das, schon ohne Beladung und Treibstoff elf Tonnen schwere, dennoch sehr wendige Mehrzweckkampfflugzeug fulminant. Es erreicht eine maximale Steigleistung von 315 m/s.
 

Die Eurofighter, die bei der ILA Berlin im Flugprogramm zum Einsatz kommen, sind im Fliegerhorst Rostock-Laage stationiert. Dieser zählt bundesweit zu insgesamt vier Eurofighter-Standorten. Aktuell bilden 138 Exemplare das Rückgrat der deutschen Luftwaffe. Der Eurofighter stellt eines der größten europäischen Verteidigungsprogramme dar. Die Partnerländer sind Deutschland, Großbritannien, Italien und Spanien. Das Programm sichert mehr als 100.000 Arbeitsplätze in 400 europäischen Unternehmen –davon 27.000 allein in Deutschland. Insgesamt wurden bislang 680 Eurofighter an neun Länder weltweit ausgeliefert. 2022 hat Spanien auf der ILA Berlin einen Vertrag zu Modernisierung seiner Flotte mit 20 neuen Kampfjets unterzeichnet.

Für die Luftwaffe ist die regelmäßige Wartung dieser fliegenden Supercomputer unabdingbar. Die hohe Einsatzbereitschaft dieses Hauptwaffensystems der Bundeswehr ist ein wesentliches Element zum Schutz der Bundesrepublik Deutschland, aber auch zur Verteidigungsfähigkeit Europas und der NATO. Doch wer betreut das komplexe System, wo und wie werden die Eurofighter in Deutschland gewartet?

Die Zusammenarbeit von Luftwaffe und Industrie ist europaweit einzigartig

Bundeswehr und Industrie reparieren und warten die Eurofighter-Flotte gemeinsam. An einigen Industrie-Standorten arbeiten gemischte Teams aus Soldatinnen und Soldaten der Luftwaffe Seite an Seite mit den zivilen Fachleuten aus den Unternehmen. Das war nicht immer so. Früher waren Bundeswehr und Hersteller einfach nur Auftraggeber und Auftragnehmer. Der Kunde zahlte und der Hersteller produzierte. Bei der Luftwaffe ist diese strikte Trennung aufgehoben – das bringt erhebliche Vorteile für beide Seiten mit sich.

Seit 2003 erfüllt das Systemunterstützungszentrum Eurofighter (SUZ EF), eine Kooperation zwischen Airbus und Luftwaffe in Manching bei Ingolstadt, die operative, technische und logistische Betreuung für die in Dienst gestellten Kampfjets. Der Fokus der Zusammenarbeit liegt auf der technischen und logistischen Unterstützung. Die Aufgaben des SUZ EF umfassen dabei sowohl den kontinuierlichen Industrie-Support für alle technischen Anfragen und die Beratung des Kunden Luftwaffe als auch die Softwarepflege und -änderung für das Gesamtsystem.

Das Systemunterstützungszentrum Eurofighter bei Airbus Defence & Space bietet Hilfe von Spezialisten – rund um die Uhr

Darüber hinaus werden in Manching die Änderungen an der Eurofighter Hard- und Software koordiniert und durchgeführt. Denn das SUZ EF ist Teil des International Weapon System Support System (IWSSS). Dieses haben die vier Eurofighter-Nationen zusammen mit ihren Industrie-Partnern aufgebaut. Es bietet bspw. einen User Help Desk an, der rund um die Uhr erreichbar ist. Ein qualifiziertes Team an Ingenieuren für die Systemanalyse und Softwarepflege steht hier an sieben Tagen die Woche zur Verfügung. Technisch hat die Crew dort Zugriff auf alle notwendigen Anlagen und Mittel, die sie benötigen, um Änderungen an der Soft- oder Hardware des Gesamtsystems durchzuführen.

Den Flugbetrieb der Eurofighter-Flotte auf einem hohen Niveau aufrechtzuhalten, verlangt weitreichende Fachexpertise. Teilweise kann die Wartung und Instandhaltung sogar „remote“ erfolgen. Das löst ein entscheidendes Problem. Bei Auslandseinsätzen kommen Technikerinnen oder Techniker der Industrie-Partner nicht mit ins Einsatzgebiet. Jedoch ist gerade dort die ständige Einsatzbereitschaft der komplexen Systeme wichtiger denn je. Dank ihres zusammen mit den Unternehmen aufgebauten Know-hows nimmt die Luftwaffe technisch anspruchsvolle Services und auch Reparaturen teilweise in Eigenregie vor. Zudem verfügen die Eurofighter zur Fernwartung über zahlreiche Schnittstellen (Wartungsports) mit vernetzten Datenverbindungen. So lassen sich die Parameter-Einstellungen im Cockpit regeln oder die Waffenleitsysteme steuern bzw. die Schubdüsen der Triebwerke einstellen.

Die Kooperation von Bundeswehr und MTU Aero Engines gewährleistet eine wirtschaftliche Triebwerks-Instandhaltung

Schon 2002 begann die Luftwaffe, mit MTU in Erding bei München zu kooperieren. Der Konzern unterstützt die Bundeswehr bei der Wartung der Triebwerke EJ200 des Eurofighters, aber auch bei den Triebwerken RB199 für den älteren Kampfjet Tornado sowie das MTR390 für den Hubschrauber Tiger. Die integrierte Instandhaltung bei MTU beinhaltet ebenfalls das Ersatzteilmanagement und die Ersatzteilprognose, die Schadensanalyse mitsamt der Produktbeobachtung sowie die Qualitätssicherung.

Die Vorteile dieser engen Zusammenarbeit liegen auf der Hand. Zuvor hatte die Luftwaffe einen Teil der Triebwerke „in House“ selbst gewartet. Den anderen Teil schickte sie zur Industrie. Das hatte jedoch zur Folge, dass sämtliche Kapazitäten und Ressourcen  in doppelter Ausführung vorgehalten werden mussten. Die Instandhaltung/Instandsetzung zu vereinen, spart ganz einfach Kosten. Michael Hergeth, Leiter Triebwerksinstandsetzung und Neubau bei MTU in Erding betont „Unsere Ziele sind ja absolut deckungsgleich: Die Triebwerke in der bestmöglichen Qualität zu möglichst geringen Kosten so schnell wie möglich wieder an die Flügel – oder beim Tiger: unter die Rotoren – zu bekommen.“

Das Erfolgsmodell der engen Kooperation bietet „Win-Win-Lösungen“

Einer der wichtigsten Vorteile der kontinuierlichen Zusammenarbeit ist die gesteigerte Planbarkeit von Wartungszyklen. Bevor sich die enge Vernetzung mit der Industrie etabliert hatte, lieferte die Bundeswehr bspw. ihre Triebwerke nur in sehr unregelmäßigen Abständen zur Reparatur. Heute beschäftigen sich die Spezial-Teams von Airbus in Manching oder MTU in Erding täglich mit den ihnen anvertrauten Systemen. Beide Industrie-Partner wissen jetzt genau, wann etwa Instandhaltungen anfallen. Die vorausschauende Wartung (Predictive Maintenance) schafft weitere Planungssicherheit – auch in finanzieller Hinsicht.

Das Bundesministerium der Verteidigung hat bspw. in seinem „Bericht materielle Einsatzbereitschaft II/2021“ die Umsetzung des Performance-Based Logistics (PBL)-Ansatzes explizit herausgestellt. Die enge Vernetzung mit den Unternehmen steigerte die Verfügbarkeit von Ersatz- und Austauschteilen deutlich und erhöhte die Waffensystemverfügbarkeit signifikant. Der Eurofighter erreichte sehr gute Klarstandsraten von im Wochenschnitt teils über 80 Prozent, was internationalen Spitzenwerten entspricht.

Die integrierte Zusammenarbeit von Bundeswehr und Unternehmen befördert zudem die Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten. Für beide Seiten reduzieren sich die Investitionsvolumina, da IT-Infrastruktur bzw. Forschungsmittel partnerschaftlich aufgeteilt werden können. Auch die Ergebnisse stehen für beide Seiten – Industrie und Streitkräfte - zur Verfügung. Ein Beispiel bietet erneut der Eurofighter: Unter den 38 Kampfjets aus dem Quadriga-Programm (Tranche 4), die der Luftwaffe bis 2030 zulaufen, befinden sich vier sogenannte „instrumentierte“ Exemplare. Diese sammeln mit ihren Zusatzsensoren bei Testläufen wichtige Daten – etwa zur Materialbelastung. So entwickeln Ingenieure, Wissenschaftlerinnen und Soldaten im „Nationalen Test- & Evaluierungszentrum Eurofighter“ das Gesamtsystem weiter. Die Analysen kommen nicht nur der Industrie zugute, auch die Luftwaffe erhält nunmehr Zugriff auf die besonders „verkabelten“ Eurofighter und kann deren Testdaten selbst nutzen.

Ganzheitliche Vernetzung von Luftwaffe, Industrie und Forschung

Des Weiteren existieren Projekte der Industrie-Kooperation mit Hochschulen, um weitere externe Perspektiven einzubinden: Airbus unterhält ein Global University Partnership Programme (AGUPP). Aus Deutschland stieß hier zuletzt die Universität Stuttgart hinzu. Damit sollen interessierte Studentinnen und Studenten noch besser auf Karrieren in der Luft- und Raumfahrt vorbereitet werden. MTU hat mit dem Institut für Flugantriebe und Strömungsmaschinen (IFAS) der Technischen Universität Braunschweig und dem Institut für Turbomaschinen und Fluid-Dynamik (TFD) der Leibniz Universität Hannover ebenfalls wichtige Partner um wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen und sich auszutauschen. Genauso werden auch Fortschritte beim Thema Wartung erzielt – etwa im, von MTU gegründeten Kompetenzzentrum „Maintenance, Repair & Overhaul“ an der Leibniz Universität Hannover.

Auch beim Forum Air der ILA Berlin 2022 war die Vernetzung ein zentrales Panel-Thema. Digitalisierung, so argumentierte Generalleutnant Ansgar Rieks, ist bei der Bundeswehr kein Buzzword, sondern die notwendige Basis, um das Zusammenspiel aller involvierter Akteure am Waffensystem optimal zu koordinieren. Unternehmen und Streitkräfte müssen, so der stellvertretende Inspekteur der Luftwaffe, ganz eng mit Expertinnen und Experten aus verschiedenen Bereichen zusammenarbeiten, um alle technologischen und militärischen Herausforderungen – bis hin zu aufkommenden ethischen Fragen des Waffensystemeinsatzes – zu erörtern.

Für die Bundeswehr ist daher die enge Vernetzung mit Industrie-Partnern das zentrale Element, um das Know-how ihrer Soldatinnen und Soldaten zu stärken und den Anforderungen zukünftiger Waffensysteme gerecht zu werden. Außerdem entwickeln sich digitale Systemanforderungen bei jeder Baureihe immer weiter. Der heutige Eurofighter bildet die wirtschaftliche und technologische Brücke  für das Luftkampfsystem  der sechsten Generation. Das gemeinsam mit Frankreich und Spanien geplante FCAS – Future Combat Air System für die Zeit nach 2040 wird aus einem bemannten Kampfjet (Next Generation Fighter) und unbemannten Begleitflugzeugen (Remote Carrier) bestehen, die über eine intelligente „Combat Cloud“ vernetzt seien werden.

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